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Schieben und Stossen
In den vergangenen beiden Einheiten haben wir uns mit dem Thema Belästigungen auseinander gesetzt. Nach unserer Vorstellung sind diese bereits Angriffe auf uns. In diesem Monat beschäftigen wir uns mit dem Thema "Schieben und Stossen" und betreten damit das Gebiet der körperlichen Auseinandersetzung.

Schieben und Stossen können sowohl als Angriff gegen uns als auch als Verteidigungsmittel durch uns angewendet werden. Daher möchte ich in der Serie beide Seiten beleuchten.


Schieben und Stossen als Angriff gegen uns:

Angriffe in dieser Kategorie können sehr verschiedenartig ausfallen. Denkbar sind kurze, mehrmalige Schübe bis zu sehr kraftvollem Stoss. Die folgende Übersicht dient mehr dem Zweck, uns in verschiedene Situationen hineinzuversetzen, um eine Vorstellung vom Schieben und Stossen zu bekommen. Wir erheben kein Anspruch auf Vollständigkeit:

Angriff Mögliche Zielstellung des Angreifers Sinnvolle, verhältnismäßige Reaktion
Kurze, mehrmalige Stösse Der Angreifer stösst, ohne uns damit aus dem Gleichgewicht zu bekommen oder ernsthaft zu verletzen. Ein derartiger Angriff zielt darauf ab, uns mental zu schwächen und zu einer Aktion zu provozieren, die unsere "sichere" Stellung aufbricht. Zeugen sehen dann später, dass der eine zwar immer ein wenig gestossen hat, aber wir hätten dann sozusagen den Kampf begonnen. Ruhig bleiben, Kontrolle über die Situation bewahren und mit kurzen, aber harten Blöcken den Angreifer beschäftigen.
langes, kraftvolles Schieben Der Angreifer setzt seine Körpermasse ein, um uns zu bewegen. Ziel könnte sein, uns gegen ein Hindernis zu schieben, wo wir uns direkt verletzen oder wenig Möglichkeiten der Verteidigung durch den Platzmangel haben. Ausweichen und wie im Judo/Aikido die Kraft des Gegners nutzen.
kraftvolles Stossen Der Angreifer stösst uns, um uns aus dem Gleichgewicht zu bringen, so dass wir fallen oder stolpern. In dieser Situation wären wir ein leichtes Ziel für weitere Aktionen. Ausweichen oder die angreifende Hand wegblocken.

Spätestens hier sind wir nun in der Situation, dass die körperliche Auseinandersetzung begonnen hat und wir handeln müssen. Rechtlich befinden wir uns in einer Notwehrsituation und haben das Recht, uns verhältnismäßig zu wehren.
Welche Situation daraus entsteht und welches für uns die günstigsten Mittel der Verteidigung sind, hängt von mehreren Faktoren ab. An dieser Stelle sei aber bereits auf die wichtigste Regel hingewiesen: Es gibt keine Garantien!

Einen ersten und sehr wichtigen Hinweis bringt unser Gegenüber mit seinem Aussehen mit:
Ein stämmiger Gegner kann z.B. eher den Ringkampf bevorzugen, in dem er seine Körpermasse völlig einsetzen und mit seinen kräftigen Armen gute Punkte in einem Ringkampf haben kann. Wenn er uns packt und festhält, spielt es auch keine Rolle mehr, dass er durch seine Masse eher zu den langsamen Kämpfern gehört. Ein trainierter und schlanker Gegner, der für Stress sorgt, möchte möglicherweise nach vielen Stunden Sportstudio-Training seine ersten Praxiserfahrungen in der Disco machen. Am Ende haben dann die Zuschauer gesehen, dass es ein Wortgefecht mit Rempeleien gab, wir als eigentlich Angegriffene den Kampf eröffneten und er sich nur verteidigt hätte.

EInen Blick für unseren Gegenüber und seine Möglichkeiten entwickelt man durch sehr sehr viel Partnertraining (mit verschiedenen Partnern!). Wer sich auf dem Gebiet schulen möchte, wird um eine Teilnahme am Training in einem Verein nicht herum kommen.


Für den Laien ergeben sich ein paar grundlegende Regeln:

1. Wir müssen im Gleichgewicht bleiben, um nach der Schubattacke nicht zu stürzen und uns dabei zu verletzen oder aber ein leichtes Ziel am Boden abzugeben. Siehe dazu auch die Serie zum sicheren Stand.
2. Wir müssen verhindern, gegriffen zu werden. Möglicherweise sind es mehrere Angreifer und einer möchte uns festhalten und so ein Ausweichen verhindern. Dies kann dadurch geschehen, dass wir dem Stoss ausweichen (Serie Schrittarbeit > 90° und 270°) oder ankommende Arme wegschlagen.
3. Nicht zu ungüstigen Aktionen verleiten lassen. Wir müssen auf die Situation verhältnismßig reagieren. Eine mögliche Variante gegen einen Gegner, der uns schiebt, ist in der Serie Norris&Chuck Januar 2008: Der Handhebel nachzulesen.


Schieben uns Stossen als Verteidigung:

Schieben und Stossen können ebenso als Verteidigung eingesetzt werden und sind effektive Mittel, um sich aus einer unangenehmen Situation verhältnismäßig zu befreien und sich Platz (und möglicherweise Zeit zur Flucht) zu verschaffen. Situationen kann man sich dazu unzählige denken: Nach einer Schubattacke, wie oben beschrieben, weichen wir aus und stossen nun unsererseits zurück usw.

Im Folgenden möchte ich ein paar Hinweise zum Schieben und Stossen geben:

1. Um den Gegner aus seiner Position bewegen zu können, brauchen wir einen sehr festen und stabilen Stand. Wer bereits ein liegen gebliebendes Auto von der Straße schaffen musste, hat eine ungefähre Vorstellung von der Technik.
2. Es ist ein Risiko, sich selbst aus dem Gleichgewicht zu bringen. Hat unser Gegenüber die Gewichtsklasse wie das liegen gebliebende Auto, ist Schieben ein schlechter Plan. Schieben oder Stossen lohnen sich nur, wenn der Gegner leichter ist oder droht, aus dem Gleichgewicht zu kommen (wo wir dann nachhelfen). Wir müssen das Gleichgewicht beibehalten, falls der Gegner seinerseits ausweicht.
3. Stosse möglichst von unten. Der Boden verhilft uns zu unserer Standfestigkeit. Damit wir möglichst fest stehen, sollten wir einen tiefen Stand wählen. Wenn wir unseren Gegner nun von unten nach oben schieben, nehmen wir ihm zusätzlich einen Teil seines Bodenkontaktes und schwächen seinen Stand.

Die folgenden Bilder sollen die Hinweise illustrieren:


Übungsserie:

In dieser Serie habe ich viele Hinweise auf ältere Berichte gegeben. Es lohnt sich, sich die Inhalte erneut ins Gedächtnis zu rufen. Insbesondere die Serie zum sicheren Stand und zur Schrittarbeit.

1. Übe mit deinem Partner, Freund oder Bekannten. Einer spielt den "Bösen" und schiebt, der andere versucht, dem Angriff zu entkommen. Die besten Chancen hat man dabei mit der Ausweichbewegung zu den Seiten (90° / 270°). Wenn man dies schnell macht, läuft der andere gewissermaßen ins Leere. Wenn man mit der Zeit Vertrauen in die Übung gewinnt, kann man das Tempo erhöhen. Am besten sucht man sich dabei einen Ort im Freien, damit man viel Platz hat.
1b. Bei Interesse kann statt des Ausweichens auch der Handhebel aus der Serie Norris&Chuck Januar 2008 geübt werden.
2. Übe auch, Schieben als Verteidigung einzusetzen. Der "Böse" kommt mit einem Angriff, zum Beispiel einem Schwinger, auf uns zu. Wir weichen mit einer Schrittkombination zur Seite aus und schieben den Angreifer von uns weg.

Die Übungen erfordern zum Teil ein großes Maß an Körperbeherrschung und werden schnell komplex. Wer sich verhaspelt, sollte nicht verzweifeln, sondern einfach ein wenig das Tempo drosseln. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Die entstehen durch üben, üben und nochmals üben. Da braucht man sich nur die ersten (holprigen) Schritte von Kleinkindern ansehen und später denkt man nicht mehr über's Laufen nach.
 
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